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Ringvorlesung

30.03. – 29.06.2022, jeden Mittwoch ab 18 Uhr via Zoom

Singet dem Herrn ein neues Lied – Psalmen nach Heinrich Schütz

Vom gregorianischen Choral über die Mehrchörigkeit eines Heinrich Schütz bis zur Minimal Music von Steve Reich: Kein anderer Text der Bibel wurde so häufig und unterschiedlich vertont wie das Buch der Psalmen. Die Ringvorlesung widmet sich diesen Vertonungen und hinterfragt scheinbar Selbstverständliches. Wie haben Komponist*innen die Psalmtexte vertont? Warum auf diese oder jene spezifische Art und Weise? Welche Vormeinungen und kulturelle Prägungen kommen dabei zum Tragen? Mit einem Schwerpunkt auf Kompositionen nach Heinrich Schütz bis in die Gegenwart und der kulturgeschichtlichen Dimension der Psalmen reflektieren die Referent*innen diese Fragen und blicken auf über vierhundert Jahre Beschäftigung mit gleichsam kanonisierten Texten.

Zu Beginn wird Benedikt Schubert über die musikalisch-theologische Verbindung von Bachs Johannespassion mit dem achten Psalm referieren und dabei neben exegetischen Quellen auch einen kunstgeschichtlichen Exkurs integrieren. Noelle Heber beschäftigt sich darauf mit der Calov-Bibel – dem einzigen auf uns gekommenen Buch aus Bachs theologischer Bibliothek – und blickt speziell in das Buch der Psalmen und auf die Lesespuren, die der Thomaskantor dort hinterlassen hat. Einen Überblick über Psalmvertonungen jüdischer Komponisten im 20. Jahrhundert mit ihren zeitgeschichtlichen und theologischen Bezügen wird Joachim Klein vermitteln. Vom biblischen Psalm 23 bis zu Paul Celans Psalm reichen die in Musik gesetzten Texte der Suite Exil des georgischen Komponisten Giya Kancheli, über welche Chiara Bertoglio referieren wird. Bartłomiej Gembicki wird über die heutigen "Rekonstruktionen" der frühneuzeitlichen (meist venezianischen) Vesper sprechen, um zu zeigen, in welchem Maße die Musikindustrie unser Verständnis der musikalischen Vergangenheit prägt. Katarzyna Spurgjasz wird sich auf Grundlage von Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts der Frage widmen, welche Psalmkompositionen im Alltag gesungen wurde und was für musikalische Voraussetzungen dafür notwendig waren. Aus kulturhistorischer Perspektive erörtert Patrice Veit das Psalmlied und den Psalmgesang im deutschen Luthertum und deckt damit einen Zeitraum von der Wittenberger Reformation bis zum Liedschaffen eines Paul Gerhardt ab. Dem Betrachten ausgewählter Parallelvertonungen von Psalmtexten im 17. Jahrhundert und der Frage, welche Funktion musikalisch-rhetorische Figuren und satztechnische Modelle dabei einnehmen, wird Helena Schuh nachgehen. Junko Sonoda widmet sich dem 73. Psalm in den Vertonungen von Heinrich Schütz und versucht dabei, exegetische Besonderheiten mit physiologischen Phänomenen, wie sie ein computergenerierten Hörmodell nahelegt, zu erklären. In der barocken lutherischen Musikkultur wurde die irdische Musik häufig als Vorgeschmack einer Musik im Himmel betrachtet. Christiaan Clement beschäftigt sich mit diesem Aspekt im 18. Jahrhundert und diskutiert dabei die Rolle der Psalmen. Ins 19. Jahrhundert führt der Beitrag von Albert Clement: Von den fünf Psalmkantaten Felix Mendelssohn Bartholdys werden der kompositorische Prozess, der biographische Hintergrund und theologische Kontext erhellt. Psalmvertonungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt von Moritz Oczkos Vortrag, welcher Einblicke in Alfred Schnittkes Zwölf Bußverse und damit in das kompositorische und spirituelle Denken des Komponisten gewährt. Der Versuch Franz Liszts, die Differenz von Frömmigkeit und avanciertem Tonsatz in seiner geistlichen Musik zu überwinden und dabei eine alternative Kirchenmusik zu schaffen, wie er sie bereits in seinen Pariser Jahren angestrebt hatte, ist das Thema von Michael Heinemann. Beschließend führt Birger Petersen noch einmal in das 17. Jahrhundert mit den Vokalwerken Dieterich Buxtehudes, welche nicht zuletzt angesichts ihrer Mehrsprachigkeit Fragen aufwerfen. Der Vortrag widmet sich konkret den Text- und Gattungsfragen der Psalmvertonungen Buxtehudes.

Konzeption und Leitung: Dr. Benedikt Schubert (ESF-Nachwuchsforscher*innen-Gruppe „Schütz‘ Schüler*innen; in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michael Heinemann)

Zeitplan

2022

30.3.
Dr. Benedikt Schubert(Dresden)
: Johann Sebastian Bachs Johannespassion und der achte Psalm. Eine Spurensuche

6.4.
Dr. Noelle Heber (Berlin):
Bach’s Reading of the Psalms

13.4.
Joachim Klein M. A. (Weimar): Shiru l‘Adonai Shir Chadash – Jewish Psalm Settings in 20th Century Art Music

20.4.
Dr. Chiara Bertoglio (Torino):
Kancheli’s Exil: from Psalm 23 to Celan’s Psalm. An itinerary of motifs

27.4.
Dr. Bartlomiej Gembicki (Warszawa/Dresden):
New vespers and old Psalms. Early italian music meets recording industry

4.5.
Dr. Katarzyna Spurgjasz (Warszawa/Dresden):
Common Prayer? Psalm settings in early modern songbooks of different Christian denominations

11.5.
Prof. Dr. Patrice Veit (Paris/Berlin):
Psalmlied und Psalmengesang im deutschen Luthertum von der Reformation bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus kulturhistorischer Perspektive.

18.5.
Helena Schuh, M. Mus. (Dresden):
Musikalisch-rhetorische ›Figuren‹ und satztechnische Modelle in Psalmvertonungen des 17. Jahrhunderts

25.5.
Dr. Junko Sonoda (Weimar):
‚Herr, wenn ich nur dich habe.‘ Physiologisch-exegetische Untersuchungen zu Psalmvertonungen von Heinrich Schütz

1.6.
Christiaan Clement M.A. (Dresden):
In Defense of Heavenly Music: Psalms as Proof of Music in the Afterlife

8.6.
Prof. Dr. Albert Clement (Utrecht/Middelburg):
Felix Mendelssohn Bartholdy and the Book of Psalms: Some thoughts on the five Psalm Cantatas.

15.6.
Moritz Oczko M. A. (Dresden):
Bocca chiusa – Vorletzte Worte in Alfred Schnittkes Bußversen

22.6.
Prof. Dr. Michael Heinemann (Dresden):
Gottvertrauen ins musikalische Material. Zu Franz Liszts Psalmvertonungen

29.06.
Prof. Dr. Birger Petersen (Mainz):
Concerto und Aria. Psalmvertonungen bei Buxtehude