04.11.10 Donnerstag 19:30
Konzertsaal der Hochschule für Musik, Wettiner Platz/Schützengasse
Programm:
Vom Studio für elektroakustische Musik der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin erklingen folgende Stücke:
- Antoine Daurat „Braise“
für Keyboard und zwei Schlagzeuger
Dies ist die zweite Fassung eines bereits im Juni 2010 uraufgeführtes Stücks, deren Grundideen und Aspekte in weniger kommentiert als neu formuliert werden. Meine Inspirationsquelle lag in der Vorstellung eines uraltes Rituals, dessem Sinn und Ablauf trotz der bestechenden Einfachheit seines Materials irrational bleibt und dadurch gefährlich wird.
Antoine Daurat wurde 1985 in Paris geboren. Im Alter von sechs Jahren nahm er seinen ersten Geigenunterricht, mit dreizehn Jahren begann der Klavierunterricht. Nach dem Abitur studierte er Musiktheorie an den städtischen Konservatorien von Paris. 2006 übersiedelte er nach Berlin und nahm ein Jahr lang Kompositionsunterricht bei Michael Beil an der studienvorbereitenden Abteilung der Musikschule Kreuzberg. Seit 2007 studiert er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Komposition bei Hanspeter Kyburz und elektronische Musik bei Wolfgang Heiniger. - Tatsuru Arai „Dual clicks“
für Computer und echtzeitgenerierte Grafik
Tatsuru Arai geboren 1981 in Japan.
Kompositionstudium bei Nishimura Akira und Toshio Hosokawa in Tokyo College of Music, seit 2009 bei Prof. Wolfgang Heiniger an der Hochschule für Musik HannsEisler Berlin.
Komponist,Spieler,Programmierer. - Martin Grütter „NeandertalerRocketUniversalmusik“ (2009/10)
für einen Doppelklavierperformer
Der Neandertaler führt ein gesellschaftliches Nischendasein. Frauen, Politikern und Sodomisten gesteht man heute die Gleichberechtigung zu, dem Neandertaler nicht. Dabei hat er eine so reiche Kultur. Grandios und komplex ist seine Musik - und wenn sie aus temperierten Intervallen bestünde statt aus Grunzlauten, niemand würde sich noch für Bach und Beethoven interessieren. Sich zum Affen zu machen, diese Errungenschaft moderner Performancekunst, ist ihm in die Wiege gelegt. Seine Schallorgane stellen die Apollo-11-Mondrakete in den Schatten. Die Kraft seiner Pranken lässt galaktische Kollisionen wie Liebkosungen erscheinen.
Worauf warten wir noch? Heute werden selbst Johann Gottlieb Kronbacher und Wenzel Fürchtegott Salzstock wiederentdeckt: Die NeandertalerRocketUniversalmusik ist längst überfällig!
Martin Grütter wurde 1983 in Trostberg/Bayern geboren.
1999-2001 war er Jungstudent im Fach Komposition bei Dieter Acker an der Hochschule für Musik und Theater München, anschließend nahm er ein Studium der Mathematik und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Regensburg auf. Von 2004 bis 2009 studierte er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Komposition bei Hanspeter Kyburz, seit 2010 elektronische Musik bei Wolfgang Heiniger. Daneben besuchte er Meisterkurse u. a. bei Brian Ferneyhough und Stefano Gervasoni.
Aufführungen seiner Werke fanden bei Konzerten und Festivals u. a. in Berlin, Paris, München, Köln, Karlsruhe und Salzburg durch Interpreten wie das Ensemble Intercontemporain, das Thürmchen-Ensemble, das Ensemble Ligatura, das Minguet-Quartett und den Dirigenten Peter Rundel statt.
Er erhielt Preise bei verschiedenen Wettbewerben, so etwa 1999 beim Kompositionswettbewerb der Robert-Schumann-Gesellschaft Düsseldorf, 2007 beim Kompositionswettbewerb „In memoriam György Ligeti“ und beim Hanns-Eisler-Preis für Komposition und Interpretation zeitgenössischer Musik, 2010 beim Internationalen Kompositionswettbewerb der Musik Triennale Köln und beim Mahler-Kompositionswettbewerb Wien. 2008 war er Finalist beim Tremplin-Projekt des Ensemble Intercontemporain, Paris. Er erhielt Stipendien vom Freistaat Bayern und dem DAAD, außerdem ist er von 2010 bis 2012 Stipendiat der Akademie „Musiktheater heute“ der Deutsche-Bank-Stiftung.
Martin Grütters Kompositionen umfassen Solo-, Ensemble- und Vokalmusik, Musiktheater sowie elektronische Musik. Daneben ist er als Klavier- und Keyboard-Improvisator tätig.
Er lebt und arbeitet in Berlin. - Stefan Keller „Prélude“
für Tabla und Live-Elektronik
Die elektronischen Klänge, die in diesem Stück präzise mit denen der Tabla koordiniert sind, aus ihnen hervorgehen und oft auch weitgehend mit ihnen verschmelzen, haben hauptsächlich zwei Funktionen. Zum einen sollen sie die Klänge der Tabla aus dem ästhetischen Kontext der nordindischen klassischen Musik ein Stück weit 'befreien' und ihnen, sei es durch eine gewisse Aggressivität oder Skurrilität oder auch einfach durch mehrstimmige Aufspaltung, sowie durch assoziative Verbindungen zu den ganz entfernten Traditionen der elektronischen Musik, neue Ausdruckspotenziale zuführen. Zum anderen greift die Elektronik in die essenzielle Differenzierungstechnik der Tabla ein: die Bildung von Klangkontrasten. Diese werden gesteigert, durch Übergänge und Querverbindungen bereichert, und dienen auch dem Zweck, auf der formalen Ebene von Abschnitten dem mit der 'Tablasprache' wenig vertrauten Hörer die Orientierung zu erleichtern. Denn die Gegenüberstellung, Entwicklung und Verknüpfung von thematischen Gedanken und Motiven, die ganz und gar un-indischen Verlauf nimmt und sich über das gesamte Prélude als Einheit ausbreitet, droht leicht für ein europäisches Ohr im virtuosen Fluss der Tablafiguren unterzugehen.
Stefan Keller wurde 1974 in Zürich geboren. 1995 Beginn des Musikstudiums in Zürich mit Hauptfach Oboe, später auch Komposition. Nach dem Konzertdiplom Fortsetzung des Oboenstudiums für anderthalb Jahre bei Ernest Rombout am Konservatorium Utrecht. 2002 – 2007 Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler: Komposition und Musiktheorie bei Hanspeter Kyburz und Jörg Mainka, Elektronische Musik bei Wolfgang Heiniger. Er erhielt als Komponist unter anderem mehrere Studienpreise des Schweizerischen Tonkünstlervereins, den 1. Preis beim Wettbewerb des SJSO 2002, den Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart 2004, 1. Preise beim Hanns-Eisler-Preis 2005 und 2006 sowie den startup-Preis des Fördervereins der HfM Berlin. Seit Herbst 2006 Lehrauftrag für Tonsatz, Gehörbildung, Kontrapunkt und Analyse Neue Musik an der HfM Hanns Eisler in Berlin. 2008 – 2009 Cursus 1 am Ircam in Paris und Stipendium des Berliner Senats an der Cité des Arts in Paris.
Es spielt das Ensemble des STEAM (Studio für elektroakustische Musik) der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.
Dazu erklingen zwei Tonbandstücke von Studenten der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden.
- Jakob Gille „Acquain Work“ (2010)
für 4-Kanal-Tonband
Acquain Work vereint Material unterschiedlichster Stilrichtungen aus vielfältigen Genres und zudem eigene Aufnahmen von Geräuschen ungewöhnlichster Herkunft. Das ganze zu vereinen war nicht einfach, aber notwendig, um eine schnelle Abfolge kontrastreicher Elemente mit der Kraft eines Feuerwerks zu erreichen. - Martin Baumgärtel „Klangstruktur Nr. 6“ (2010)
für 6-Kanal-Tonband
Das Stück »Klangstruktur Nr. 6« entstand innerhalb einer länger andauernden Beschäftigung mit den Phonemen der deutschen Sprache. Daher wurden in dem Werk überwiegend einzelne Phone genutzt welche daher allein keinen konkreten Text ergeben. Insgesamt kommen sechzehn verschiedene Phone vor, wie: a:, t, k, u, usw. Da es in diesem Stück auch um eine Reflexion über Stimme im Kontext zu instrumentalen Klängen ging, suchte ich nach einem Instrument welches seit dem 20. Jahrhundert besonders häufig gemeinsam mit der Stimme erklingt. In der Populärmusik ist dies wahrscheinlich die Gitarre. Diese Instrumentengattung bietet eine sehr große Vielzahl von unverbrauchten Klängen, besonders die Elektrogitarre, da in der Populärmusik überwiegend sehr unreflektiert mit dem klanglichen Erscheinungsbild der Gitarren umgegangen wird, er steht quasi seit Jahren auf der Stelle. Es lag also nahe zur Stimme noch die Elektrogitarre hinzuzunehmen. Das Stück »Klangstruktur Nr. 6« geht also seinen eigenen Weg hinsichtlich der Kontextualisierung zwei so inflationär genutzter Klangerzeuger. In der Konsequenz bedeutet das, dass typische Hörerwartungen durchbrochen werden müssen, trotzdem gibt es sehr strenge Strukturen, alle Klänge sind immer mit anderen verbunden ganz im Sinne der Kausalität. Die Suche nach Klängen welche vom gewohnten abweichen war mir somit besonders wichtig. Auch formal bleibt das Stück sehr streng, einzelne Klangdauern bestimmen die Abschnitte und gliedern, auch wenn sie durch Pausen getrennt werden, den Verlauf. Insgesamt nimmt die Klangdichte immer mehr zu, bis schließlich sehr komplexe Klangschichtungen entstehen, durchaus ein Tutti – wenn man so will.






