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Manos Tsangaris: Anzetteln

(Artikel aus dem, demnächst erscheinenden, Jahrbuch 2010)

In jedem Spielraum findet man Grenzen, wenn man sie maßlos nutzt.
(William Shakespeare, Maß für Maß)

Als ich mich Anfang des Jahres 2009 auf die Stelle des Kompositionslehrers an der Hochschule für Musik in Dresden bewarb, wurde mir im Rahmen des Kolloquiums, das zu meiner Vorstellung gehörte, die Frage gestellt, ob es etwas gäbe, das mir durchzuführen besonders vorschwebe, angenommen den Fall, dass ich diese Stelle bekäme. Ich antwortete spontan, dass ich etwas anzetteln wolle.
Bei diesem Wort stellt man sich womöglich einen Haufen bekritzelter Zettel vor oder eine „Zettellandschaft” in welcher ich oder wir gemeinsam dann säßen und anhand derer wir Pläne schmieden oder notieren würden.
Allein das Wort „anzetteln“ stammt ursprünglich aus der Sphäre des Weberhandwerks. Es bezeichnet das Anbringen so genannter Zettelfäden am Kettbaum eines Webstuhls, das sind die Längsfäden eines Gewebes, die zunächst in vertikaler Richtung fixiert werden, und durch welche hindurch die Schussfäden mittels eines Schützen (!) während des später folgenden eigentlichen Webvorgangs horizontal geführt werden. Diese Zettelfäden sind also Voraussetzung, dass überhaupt gewoben werden kann, sie werden zu allererst angebracht, und dann geht's los nach Maß und Modell. (Es dürfte wohl von Vorteil sein zu wissen, wie das gewebte Stück schließlich aussehen soll, bevor man beginnt.)

Jetzt hatte ich nun vergnüglicher Weise Gelegenheit ein erstes Studienjahr lang an unserer Hochschule tätig zu sein, mich nach und nach einzuleben, Kontakte innerhalb der Hochschule und darüber hinaus in der Stadt Dresden zu knüpfen und zusammen mit einigen KollegInnen einige Verbindungen herzustellen oder zu vertiefen, die als „Zettelfäden“ taugen mögen.
Beispiele für Planungen (ohne Gewähr, dass dann auch alles realisiert werden kann):
  • eine Reihe mit Aufführungen „Szenische Miniaturen“ im Konzertsaal unserer Hochschule, wobei Publikum und Szene sich gemeinsam auf der Bühne befinden werden,
  • Konzeptionierung einer weiteren, neu orientierten Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatsoper Dresden/Semperoper und dem Studiengang Theaterausstattung der Hochschule für Bildende Künste Dresden, nachdem die „kleine szene“ der Oper aufgegeben wurde und neue Spielstätten erschlossen werden. Thema unserer Zusammenarbeit soll voraussichtlich der russische postrevolutionäre Futurismus des zwanzigsten Jahrhunderts sein.
  • Planung einer Reihe im Leonhardi-Museum mit dem Titel „Intermedium“. Hierbei wird es vor allem um orts- und situationsspezifische Ereignisse gehen, die gelegentlich mit barocken Intermedien, Vorläufern der Operngattung, verbunden werden könnten und
  • das von mir so genannte „Theater der Künste Dresden“.

Innerhalb des oben schon erwähnten Kolloquiums wurde ich auch gefragt, ob ich irgendwelche „besonderen Wünsche“ hätte im Fall meiner Anstellung. Ich sprach sofort von der Notwendigkeit einer Musiktheaterwerkstatt, eines offenen Raumes, in dem nicht nur Kompositionsstudierende sondern alle Interessierten Anregung und Gelegenheit haben sollten, theatrale, szenische und andere Projekte zu entwickeln und gemeinsam durchzuführen. Gemeint ist sowohl ein Raum im physisch-architektonischen Sinne als auch der geistig-virtuelle Raum zwischen Menschen, Ideen und Ereignissen. Hier geht es durchaus auch um Medien („Mittel“), aber nicht nur die jüngeren digitalen, sondern auch die alten, analogen, uns scheinbar selbstverständlichen wie Klang, Sprache, Bild, Bewegung, Denken, Notat, Zeichensprache und Abbildung, Geplantes, Gefundenes usw.
In einer solchen Werkstatt sollen die Grenzen zwischen einzelnen Fächern und Traditionen zugleich genutzt und überwunden werden. Instrumentalisten, Sänger, Theoretiker, alle möglichen Fachrichtungen sind eingeladen zu partizipieren. Und alle sind gefragt, sich auch an den ganz und gar diesseitigen Phänomenen einer solchen Einrichtung aktiv zu beteiligen. Erfindung und Findung, Konzept und Dramaturgie, Probenplanung und -technik, Bewerbung der Aufführung, das Herrichten des Theaters vom Aufstellen der Stühle bis zur Einweisung des Publikums und selbstverständlich auch sämtliche performativen Funktionen in den eigenen Projekten und denen der anderen werden Teil der gemeinsamen Arbeit sein.

Mein Traum ist es, mit einem solchen Theater der Künste in Dresden einen offenen, diskurs- und praxisbezogenen Raum zu schaffen, der Impuls- und Resonanzraum für unsere Hochschule und darüber hinaus sein könnte. In ihm werden alle nur denkbaren Sprachfolien aufeinander bezogen und untersucht, es wird erzählt, dort wo Texturen (Text im Wortsinne heißt „Gewebe“) einander differenzieren und zuspielen, so dass ihre Zusammenfügung mehr ist als die Summe der Einzelteile.

Wir sind es als Musiker gewöhnt, auf viele Weisen mit Texten und Strukturen umzugehen und sogar wie selbstverständlich in ihren Gefilden uns zu bewegen, sie zu nutzen und uns mit ihnen auseinander zu setzen.
Immer wieder kommt mir in den Sinn, dass eine Kunsthochschule wie die unsrige im Grunde ein Messinstrument darstellen könnte, das, wenn es richtig geeicht und eingestellt resp. gewoben ist, der Gesellschaft im allgemeinen und auch den nahe liegenden Niesnutzern Messwerte zur Verfügung stellt, die auf andere, vermeintlich „wissenschaftlichere“ Weisen nicht zu erlangen sind. Darin liegt das noch nicht hinreichend genutzte gesellschaftliche Potential von Anregung, Kritik und Erbauung im ursprünglichen Sinne.